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IBA ist: Ausnahmezustand

Allen Bauausstellungen ist eines gemein: Sie nehmen eine Auszeit vom Alltag, um Neues zu schaffen. Bauausstellungen waren nie nur Leistungsschau, sondern auch Innovationsprogramm – Laboratorien auf Zeit. Dies konnten sie nur sein, weil sie mit dem Privileg befristeter Sonderkonditionen und politischer wie administrativer Rückendeckung für einen Ausnahmezustand ausgestattet waren. Dieser „Ausnahmezustand“ war die zwingende Voraussetzung für einen „Freiraum“ zur Entwicklung modellhafter Lösungen.

IBA ist: Begeisterung und Raffinesse

Alle Bauausstellungen wollten das Herkömmliche überwinden. Mut, Risikofreude und Begeisterung der Initiatoren waren dafür Voraussetzung. Deshalb war der Anfang von Bauausstellungen stets auch von emotionalem Überschwang begleitet. Erfolgreich waren Bauausstellungen aber nur dann, wenn sie über eine klare Strategie und ein kluges Kalkül der Realisierungschancen verfügten. Begeisterung und taktische Raffinesse gehören zusammen. Mit dem räumlichen und thematischen Ausgreifen der Bauausstellungen und der Zunahme von Kooperationspartnern wird es schwieriger, das Gleichgewicht von Leidenschaft und Kalkül aufrecht zu erhalten.

IBA ist: Bauen und viel mehr

Die ersten Bauausstellungen waren von ganzheitlichen Reformideen geprägt, die meist in relativ kurzer Zeit umgesetzt wurden. Sie waren richtige Bau-Ausstellungen. Im Verlauf des Jahrhunderts veränderten sie sich zu Strukturprogrammen mit breitem Themenspektrum, regionaler Ausdehnung und langen Entwicklungszeiten. Heute wird Bauausstellungen noch mehr abverlangt. Sie sollen für komplexe Problemlagen und Entwicklungsaufgaben quasi die „letzte Rettung“ sein. Das Bauen spielt dabei eine immer geringere Rolle und die Abgrenzung vom guten Alltag wird unschärfer. Damit steigt der Zwang zu Events – mit der Gefahr, dass die baukulturelle Innovation überstrahlt wird.

IBA ist: Internationaler Diskurs

Alle Bauausstellungen waren international ausgerichtet. Einige bezogen Experten aus dem Ausland ein, andere haben international diskutierte Fragestellungen aufgegriffen und wiederum andere Qualitätsansprüche formuliert, die sich international messen lassen. Im Zeitalter der Globalisierung ist aber ’Internationalität‘ kein besonderes Qualitätsmerkmal mehr. Längst schon sind „fremde“ Einflüsse in den Alltag eingezogen und Vertrautes findet sich überall. Und Neuentwicklungen verbreiten sich mittels der modernen Kommunikations- und Informationstechnologien sofort weltweit und sind überall verfügbar.

IBA ist: Das Neue

Jede Bauausstellung wollte Neues schaffen und hat dafür eigene Wege gefunden. Das Geheimnis innovativer Produktentwicklung beruht zumeist auf der Bereitschaft, „anders“ und „quer“ zu denken, zu forschen und zu entwickeln. Zugleich wächst das Interesse am „Schatz“ baukultureller Erfahrungen, an einem Know-how-Archiv, damit nicht jede Bauausstellung „alles wieder neu erfinden muss“.

IBA ist: Das Reifen des Neuen

Der Glanz des einstmals Neuen kann sehr schnell verblassen. Die Überzeugungskraft der Innovationsleistung von Bauausstellungen beweist sich letztlich darin, ob sie sich dauerhaft etablieren kann oder als Strohfeuer herausstellt. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass viele in Bauausstellungen entwickelten Reformen und Neuerungen mit der Zeit zum bereichernden Allgemeingut der Baukultur wurden. Nachhaltigkeit von Neuerungen – so paradox dies ist – ist eine der Hauptaufgaben, denen sich künftige Bauausstellungen mit Nachdruck werden stellen müssen.

IBA ist: Vor allem Qualität

Bauausstellungen sind bisher ohne festen Kalender und vorgegebene Regeln entstanden – anders als Weltausstellungen oder Kulturhauptstädte. Oftmals waren sie gar Ergebnis einer zufälligen Konstellation aus spezifischen Problemlagen, günstigen Zeitpunkten und experimentierfreudigen Personen. Trotzdem zeichnen sich bisher alle Bauausstellungen durch hohe Qualitätsansprüche aus. Eine Qualitätsgarantie gibt es aber nicht. Bauausstellungen sind auch nicht vor Missbrauch geschützt. Die Gefahr liegt in der Regellosigkeit, in der Verlockung, den Innovations- und Qualitätsanspruch durch Eventkultur zu ersetzen.

IBA ist: Eine Chance für Europa

Internationale Bauausstellungen sind ein spezifisch deutsches Format, in Deutschland entwickelt und erprobt. In einer transnationalen Welt, insbesondere in einem zusammen wachsenden Europa, ist für ein rein nationales Instrument eigentlich kein Raum mehr. Deshalb drängen Internationale Bauausstellungen auf umfassenden internationalen Austausch, auf Erprobungsmöglichkeiten im europäischen Rahmen. Europa gilt als neue „Stadt auf einem Berg“. Die Welt blickt auf dieses transnationale Regierungsexperiment und hofft auf Orientierungshilfen in einer globalisierten Welt. Die „europäische Stadt“ gehört zum kulturellen Schatz Europas. Von ihr werden Antworten auf zentrale Zukunftsfragen erwartet.

Auszug der Thesen aus der Ausstellungsbroschüre "IBA meets IBA" mit freundlicher Genehmigung des M:AI Museums für Architektur und Ingenieurkunst des Landes Nordrhein-Westfalen und der IBA Hamburg.

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letzte Änderungen: 8.4.2010 14:31

IBA-Memorandum

Das IBA-Netzwerk hat ein Memorandum zur Zukunft Internationaler Bauausstellungen erarbeitet, dass die Qualität zukünftiger IBAs sichern soll. mehr