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Projekt 17: Gubiner Hauptkirche

Deutsch-Polnische Grenzerfahrung

Seit dem EU-Beitritt Polens und dem Wegfall der Grenzkontrollen sind sich die beiden Hälften der deutsch-polnischen Doppelstadt Guben-Gubin ein ganzes Stück näher gekommen. Bürger beider Städte gehen selbstverständlich zum Arbeiten, Einkaufen oder ins Café auf die jeweils andere Seite der Neiße. Das Stadtzentrum entlang der Frankfurter Straße wächst wieder zusammen. Zukunftsorientiert arbeiten Deutsche und Polen daran, historische Gebäude und Stadträume zu sanieren und Freiräume zu gestalten. Symbolischer Mittelpunkt ist dabei der Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Hauptkirche.

AUSGANGSSITUATION

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Neiße-Stadt stark zerstört. Gerade das historische Zentrum rechts der Neiße war davon besonders stark betroffen. Nach dem Krieg wurde Guben durch die Oder-Neiße-Grenze geteilt, in einen deutschen Teil links und einen polnischen Teil rechts der Neiße. Die polnische Stadthälfte heißt seither Gubin. Die starke Zerstörung der Stadt ist bis heute zu sehen. Die frühere Gubener Hauptkirche – heute auf polnischer Seite – blieb jahrzehntelang eine Ruine. Nur das angrenzende Rathaus wurde wieder aufgebaut, sodass Ruine und Rathaus und einige Plattenbauten den sonst weitgehend leeren Stadtraum direkt an der Grenze prägen.
Mit der politischen Wende in beiden Staaten und dem EU-Beitritt Polens kommt beiden Städten nun als deutsch-polnischer Grenzort eine neue Bedeutung zu. Für die Entwicklung gemeinsamer stadtplanerischer Ziele wurde schon 1998 ein räumliches Strukturkonzept erstellt. Darin spielt die Frankfurter Straße mit ihrer Neißebrücke als Einkaufsstraße, Grenzübergang und verbindendes Element der Städte Guben und Gubin eine zentrale Rolle.

PROJEKTVERLAUF

Das IBA-Projekt »Gubiner Hauptkirche« knüpft direkt an das Strukturkonzept der beiden Städte an. In Guben konnte 2003 der erste Bauabschnitt zur Aufwertung der Frankfurter Straße abgeschlossen werden. Die sanierten Häuserfronten, das erneuerte Straßenpflaster und Sitzgelegenheiten geben der Straße mit ihren Cafés und Läden eine hohe Aufenthaltsqualität. Anschließend widmete sich die Stadt dem Bereich »Promenade am Dreieck«: Durch den Umbau der ehemaligen Hutfabrik Wilke entstand dort die neue Mitte Gubens. Hier befinden sich nun unter anderem das Rathaus, die Bibliothek und ein Hutmuseum. Die Promenade am Dreieck ist nicht nur das neue Zentrum von Guben, sondern bildet gemeinsam mit der Hauptkirche auf Gubiner Seite die räumliche Klammer der Frankfurter Straße.

Auch dort auf polnischer Seite ist viel passiert: Hier waren 2003 die Sanierungsarbeiten an der Neißebrücke abgeschlossen worden, sodass der Weg zur Hauptkirche wieder frei war. Die Kirche, von der nur noch die Außenmauern des Kirchenschiffs und der beschädigte Glockenturm stehen, ist Mittelpunkt des IBA-Projekts. Vorrangig geht es um Sicherung der Ruine und darum, sie wieder mit Leben zu erfüllen. Auf beiden Seiten der Neiße ist man sich der identitätsstiftenden Bedeutung der Kirche bewusst und sucht nach einem gemeinsamen Umgang mit der Ruine.

Bereits 2002 haben polnische und deutsche Studenten der Technischen Universität Breslau und der Fachhochschule Lausitz in Cottbus, mit Unterstützung der IBA und der Stadt Gubin, mögliche Zwischen- und Nachnutzungen diskutiert und erste Entwürfe präsentiert. So entstand die Idee eines deutsch-polnischen und europäischen Begegnungszentrums, das kirchliche und kulturelle Aktivitäten aufnimmt. Die IBA half auch sonst, die Hauptkirche lokal und auch überregional ins Bewusstsein zu heben, um so finanzielle und politische Unterstützung zu organisieren – zum Beispiel durch einen symbolischen Verkauf von Ziegelsteinen zum Wiederaufbau im Rahmen des IBA-Halbzeitjahrs 2005 oder im IBA-Themenjahr »Europa«, als 2006 auf beiden Seiten der Grenze ein anspruchsvolles Kulturprogramm verwirklicht wurde.

2005 wurde auf polnischer Seite eine Stiftung und auf deutscher Seite ein Förderverein gegründet, die sich beide dem Ziel verschrieben haben, die Kirchenruine zunächst im Bestand zu sichern. Ein erster sichtbarer Erfolg konnte 2007 gefeiert werden: Der weitgehend erhalten gebliebene Glockenturm erhielt seine Turmkrone zurück. Um die Ideen und Wünsche der Akteure vor Ort zusammenzutragen und weiterzuentwickeln, führte die IBA 2008 in Abstimmung mit Gubin eine Befragung von Interessensvertretern durch. Auf Grundlage dieser Befragung entwarf ein deutsch-polnisches Planungsbüro ein Entwicklungs- und Handlungskonzept, das vorsieht, die Kirche in drei Phasen prozesshaft zu einem Zentrum für Kultur und Kommunikation mit deutsch-polnischem und europäischem Bezug zu entwickeln.

AUSBLICK

Vorrangiges Ziel ist die Sicherung der Ruine. Dazu soll 2010 in Kooperation mit den regionalen Universitäten Zielona Góra (Grünberg) und Cottbus eine Bauhütte gegründet werden, um die Gebäudesicherung fachlich zu begleiten und das Bauvorhaben zu koordinieren. Erste Baumaßnahme soll die dauerhafte Begehbarmachung des Glockenturms sein. Um mögliche Varianten im baulichen Umgang mit der Ruine aufzuzeigen, hat die IBA verschiedene Visualisierungen anfertigen lassen. Diese können als Arbeitsgrundlage in den weiteren Prozess einfließen. Neben den baulichen Maßnahmen spielt die Integration der Kirche in den Alltag eine wesentliche Rolle. Entsprechende Aktivitäten von Kulturvereinen und den Kirchen beider Länder finden bereits statt und sollen in Zukunft ausgebaut werden.
Die Bauhütte soll in der Kirche ein Zentrum für Kultur und Kommunikation mit überregionaler Ausstrahlung einrichten. Es ist geplant, das Kirchenschiff multifunktional auszubauen und für Ausstellungen, große Veranstaltungen und Sommerschulen nutzbar zu machen sowie die Tourismusinformation einzubinden.
www.stadtkirchegubin.de
www.fara.gubin.com.pl

Anfahrt

Mit dem Auto zur Gubiner Hauptkirche oder mit öffentliche Verkehrsmitteln:

VBB fahrinfo - Link (mit Vorbelegung)
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letzte Änderungen: 26.1.2017 13:13